1924 - 2024: Ein Streifzug durch die Geschichte des ICO

Die Anfänge: 1924 bis 1945

1924 - 1945

 

Start unterm königlich bayerischen Rautenbanner

Erste Überlegungen zum Aufbau eines Chemiefaserwerks in der bayerischen Untermainregion gehen zurück auf die Jahre 1917 und 1918. Zur Schaffung von Arbeitsplätzen in der damals strukturschwachen Region kommen die königlich bayerische Staatsregierung und die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG (VGF) mit Sitz in Wuppertal überein, ein neues Werk aufzubauen.

Die Wahl fällt auf ein Gelände gegenüber der damaligen Kreisstadt Obernburg auf den Gemarkungen der Gemeinden Erlenbach und Elsenfeld. Für das noch zu bauende Werk wird am 23. Juli 1918 die Bayerische Glanzstoff-Fabrik AG mit Sitz in München gegründet.

 

 

 

Nachkriegschaos und regionale Skepsis

Doch die Anfänge gestalten sich sehr schwierig: das Ende des Ersten Weltkriegs, die große wirtschaftliche Not und die massive Inflation anfangs der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts beeinträchtigen und verzögern den Aufbau. Teilweise muss sogar eigenes Geld zur Bezahlung der ab November 1922 eingestellten Arbeitskräfte ausgegeben werden.

Auch in der Region gibt es zunächst Vorbehalte der überwiegend landwirtschaftlich geprägten Bevölkerung gegen den "neumodischen" Industriebetrieb. Sie können jedoch dank des Einsatzes des ersten Werkleiters, Dr. Conrad Herrmann, nach und nach ausgeräumt werden.

 

 

 

Startschuss für eine 100-jährige Erfolgsstory

Am 19. März 1924 ist es so weit: erstmals wird auf einer Obernburger Maschine ein textiler Viscosefaden gesponnen. Zu diesem Zeitpunkt zählt das Werk 272 Beschäftigte. Im Folgejahr sind es bereits 2.000.

Auch der bayerische Ministerpräsident Dr. Heinrich Held kommt 1924 zu einem Besuch an den Standort und informiert sich persönlich über den Fortschritt des Produktionsaufbaus. Liegt die Produktionsmenge anfänglich bei 100 kg textilem Viscosegarn pro Tag, beträgt sie 1925 bereits 2,5 Tonnen und steigt in den Folgejahren kontinuierlich weiter an.

     
Verschmelzung der Bayer. Glanzstoff-Fabrik AG und VGF 1927

Rasantes Wachstum

Im Jahr 1927 fusioniert die Bayerische Glanzstoff-Fabrik mit der VGF und gibt damit ihren regionalen Sonderstatus auf.

Die 30er Jahre bringen für Obernburg deutliche Kapazitätserweiterungen. Der zunehmende Automobilverkehr erfordert zunehmend mehr Reifen. VGF reagiert darauf und baut mit einer Investitionssumme von 1,8 Mio. Reichsmark in Obernburg eine neue Produktion für technische Viscosegarne auf. Das neue Verstärkungsmaterial für die Karkassen von Autoreifen erweist sich als deutlich besser und stabiler als die bis dahin verwendeten Garne aus Baumwolle. Nicht zuletzt auch durch den Bedarf der Wehrmacht wächst die Produktionsmenge bis Oktober 1942 auf 13.000 Tonnen pro Jahr.

Das Obernburger Verwaltungsgebäude 1927 (1945 zerstört)
     

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Wohnungsbau und Ausbildung

Steigende Produktionsmengen bedingten auch mehr Arbeitskräfte und damit mehr Wohnraum. Im Jahr 1937 startet mit der Grundsteinlegung am 2. Oktober der Bau der Glanzstoffsiedlung in Erlenbach.

Auch eine eigene Ausbildungsabteilung mit hauptamtlichen Ausbildern wird eingerichtet. Am 1. April 1937 starten die ersten zwölf jungen Männer ihre Ausbildung zu Betriebsschlossern. Wochenlohn: 56 Pfennige!

     

Der Krieg kommt nach Obernburg

Bleibt das Werk während des Zweiten Weltkriegs von Kriegsauswirkungen zunächst verschont, verursachen im März 1945 amerikanische Tieffliegerangriffe und Artilleriebeschuss schwere Beschädigungen. Das Verwaltungsgebäude und verschiedene Produktionsbereiche werden ganz oder teilweise zerstört. Mit dem Eintreffen amerikanischer Truppen wird die Produktion komplett eingestellt.

Doch schon am 26. Juni 1945 erteilt die amerikanische Militärregierung die Erlaubnis zur Produktion von täglich fünf Tonnen "Erntebindegarn". Trotz immenser Versorgungsschwierigkeiten bei Rohstoffen und Energie startet die Produktion wieder kurz vor Weihnachten 1945 - wenn auch nur in kleinem Maßstab.

Produktionserlaubnis der amerikanischen Militärregierung vom Juni 1945
     

 

Die Wirtschaftswunderjahre: 1946 - 1968

1945 - 1968

 

Wiederaufbau und Wirtschaftswunder

Etwa 4,5 Mio. Reichsmark an Schäden versursacht der Krieg im Werk Obernburg. Doch nach dem Wiederaufbau der teilweise zerstörten Produktionsanlagen zeichnen sich mit dem beginnenden Siegeszug synthetischer Garne neue Entwicklungen auf dem Chemiefasermarkt ab. Das Werk Obernburg ist von Anfang an mit dabei und startet damit in eine neue und langanhaltende Wachstumsphase.

Ab 1954 beginnt der Aufbau eines neuen Großbetriebs zur Herstellung synthetischer Garne. Sie entwickeln sich in den Folgejahrzehnten bis heute zu den erfolgreichsten Chemiefasern überhaupt.

Soziale Fürsorge als Unternehmensaufgabe

Weithin gerühmt wird der Standort in den Wirtschaftswunderjahren für seine gute Bezahlung und seine Sozialleistungen. Neben dem zügigen Ausbau der Erlenbacher Glanzstoffsiedlung mit günstigem Wohnraum für die Beschäftigten kümmert sich die Sozialabteilung um die Familienangehörigen. Werkseigene Buslinien bringen Beschäftigten schnell und kostengünstig zur Arbeit. Mit dem bereits 1937 von der Belegschaft gebauten Werkschwimmbad, einem Sportheim mit Kegelbahnen sowie mehreren Tennisplätzen verfügt man über vielfältige Sportmöglichkeiten direkt am Werksgelände.

 

 

 

Eigener Bahnhof!

Mit steigenden Beschäftigtenzahlen wächst auch die Zahl derer, die die Bahn als günstiges Transportmittel zur Arbeit nutzten, denn einen PKW kann sich kaum jemand leisten. Die Bahn richtet mit dem Bahnhof "Glanzstoffwerke" 1949 eine eigene Haltestelle am Werk ein, der sich schnell großer Beliebtheit erfreut.

 

 

 

Siegeszug der Synthesegarne dank sicherer Energieversorgung

Am 2. Mai 1957 startet die Produktion von synthetischen Garnen für technische und textile Anwendungen. Nach Überwindung der ersten schwierigen Jahre und wachsender Nachfrage nach den Obernburger Garnen, steigert man mehrfach die Kapazitäten. Ab 1963 erbringen die Synthesegarne gut 30% vom Gesamtumsatz des Werks.

Umfangreich investiert wird in die Modernisierung der Energieversorgung. 1960 startet der Bau der drei markanten Turmkessel des Kraftwerks, die seit 1968 bis heute die Silhouette des Standorts prägen.

 

 

 
Der erste Bauabschnitt des Konzernforschungsinstituts entsteht 1962

Investitionen in die Zukunft

Produktinnovationen zur Erschließung neuer Märkte sind ein wichtiges Erfolgskriterium - für Glanzstoff insgesamt wie für den Standort Obernburg. Nach Umzug der Konzernforschung von Berlin-Teltow nach Obernburg erhält diese ab 1962 ein neues Forschungsgebäude zur Entwicklung neuer Produkte und Anwendungsfelder für Chemiefasern.

Auf Versuchsanlagen werden verschiedenste neue Produkte getestet und bis zur Produktionsreife weiterentwickelt, darunter auch elastische Garne oder Xylee, ein synthetisches Schaftmaterial für Schuhe.

 

 

 

Die Belegschaft wächst

Mit dem rasanten Wachstum steigt auch der Bedarf an Arbeitskräften. Da dieser mit einheimischen Kräften nicht mehr gedeckt werden kann, beginnt anfangs der 60er Jahre die Anwerbung im Ausland. 1964 startet die Anwerbung türkischer Kräfte direkt in Istanbul. Bis zum Anwerbestopp Mitte der 70er Jahre klettert der Anteil Beschäftigter mit Migrationshintergrund auf etwa 35% an der Gesamtbelegschaft.

 

 

 

Prominenz in Obernburg:

Die große Bekanntheit und den Stellenwert des Werks weit über die Region hinaus unterstreichen zahlreiche prominente Gäste in jenen Jahren:

Foto links:
Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard (links, mit Zigarre) und Vorstandsvorsitzender der Glanzstoff AG, Dr. Ernst-Helmut Vits, anlässlich einer internationalen Wirtschaftstagung in Obernburg 1956.

Foto rechts:
Nobelpreisträger Otto Hahn, einer der bedeutendsten deutschen Naturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts, bei einer Forschungstagung in Obernburg.

 

 

 

Foto links:
Der Bayerische Ministerpräsident Dr. Hanns Seidel (Mitte) mit Glanzstoff-Vorstand Dr. Alfred Ebert (rechts) und Werkleiter Senator Dr. Walter Gammert (links) 1956 beim Besuch in Obernburg.

Foto rechts:
Bayerns Ministerpräsident Dr. Alfons Goppel (links) und Werkleiter Dr. Günter Schmidt an der Feier zum 50-jährigen Standortjubiläum 1974.

 

 

 

Foto links:
Standortmitarbeiter umringen 1959 Sepp Herberger (Mitte), Bundestrainer der legendären Fußballweltmeisterschafts-Elf von 1954 beim "Wunder von Bern" bei einer Autogrammstunde im Werk.

Foto rechts:
Fritz Walter (links), Kapitän der WM-Elf von 1954, bei einer Standortbesichtigung seines Heimatvereins, des 1. FC Kaiserslautern, im Gespräch mit Mitarbeitern.

 

Die Jahre des Wandels: 1969 - 1985

1969 - 1985

 

Investitionen auch in schwierigen Zeiten

Anfangs der 70er Jahre zeigen sich neue Herausforderungen für den Standort. Die Ölkrise 1973 bringt drastische Verteuerungen für Rohstoffe und Energie. Gleichzeitig drängen vor allem asiatische Wettbewerber mit aggressiven Exportoffensiven auf den globalen Chemiefasermarkt. Trotzdem wird am Standort kräftig investiert: in die Erweiterung des Versands und die Umstellung der Energieerzeugung von Kohle und Öl auf das umweltfreundlichere Erdgas.

Erste "Public Private Partnership":
Im Jahr 1974 startet ein Projekt mit Modellcharakter für Bayern: der Bau der "Gemeinschaftskläranlage Bayerischer Untermain" in Elsenfeld durch das Werk gemeinsam mit den Umlandkommunen. Sie geht 1976 in Betrieb und klärt seit nunmehr fast 50 Jahren als  Gemeinschaftsunternehmen die Abwässer des Standorts und der angeschlossenen 18 Gemeinden mit rund 84.000 Einwohnern.

Gemeinschaftskläranlage Bayerischer Untermain in Elsenfeld

Tobi und schwarze Rose auf Kundenfang

In jenen Jahren gibt es vielfältige Versuche, die Obernburger Produktpalette zu erweitern. Eines dieser neuen Produkte ist Xylee®, ein synthetisches Schaftmaterial für Schuhe, als Ersatz für Leder.

Ein Renner sind die neuartigen bügelfreien Hemden aus Diolen®, so der Produktname für Polyestergarne bei VGF und dem Nachfolgekonzern ENKA. Ihr Markenkennzeichen: die schwarze Rose.

Für Kinderbekleidung aus strapazierfähigem Diolen® wirbt das Maskottchen Tobi ab den 60er Jahren in Comic-Streifen und sogar mit einem eigenen Lied.

Aus Glanzstoff wird ENKA

Nachdem die alte "Glanzstoff" im ENKA-Konzern aufgegangen war, erfolgt auch die optische Umrüstung des Standorts mit dem neuen Logo. Ab 1977 löst das aus blauen Modulen bestehende ENKA-Logo das altehrwürdige Glanzstofflogo über den Werkstoren ab.

Erstklassiger Berufsstart

Nachwuchsrekrutierung - bis heute ein wichtiges Thema für den Standort. Bereits in den 70er Jahren gibt man Schulklassen die Möglichkeit, die Ausbildungseinrichtungen des Standorts zu besichtigen und informiert über das Ausbildungsplatzangebot (Foto links).

Erfolgreiche Auszubildende bei der Zeugnisübergabe (Foto rechts) bei der Freisprechungsfeier 1982.

Ausbildungsabsolventen

Der TV Großwallstadt als sportlicher Partner

Sportliches Aushängeschild der Region Ende der 70er und in den beginnenden 80ern ist die erste Handballmannschaft des TV Großwallstadt. Viermal nacheinander holt der TVG die Deutsche Meisterschaft und räumt 1980 auch international alle Titel ab. Hauptsponsor: die damalige ENKA Obernburg.

Foto links: Zwei Stars des TV Großwallstadt: Kurt Klühspies und Manfred Hofmann.
Foto rechts: Voller Einsatz beim Spiel des TVG - mit Trikots von ENKA.

Starker Fokus auf technische Anwendungen

Bis in die 70er werden in Obernburg verschiedenste Garnarten für technische und textile Anwendungen produziert. Die nachlassende Konjunktur, das Sterben der heimischen Textilindustrie, teure Rohstoffe und hohe Energiepreise erfordern jedoch eine Anpassung der Produktpalette. Deshalb beschließt das Unternehmen eine Fokussierung auf die renditestarken technischen Anwendungen, insbesondere für die Automobilindustrie, wo gerade der Airbag entwickelt wird Bei der Entwicklung von Anfang an dabei: Hochleistungsgarne aus Obernburg.

Erdbaukomponenten und Drainagematerialien aus dreidimensionalen Polymerstrukturen "Made in Obernburg" eröffnen seit den 70er Jahren bis heute vielfältige Anwendungsmöglichkeiten, z.B. beim Erosionsschutz, als Dränagesysteme, als Gebäudeschutz oder beim Verkehrswege- und Deichbau. Findige Obernburger Ingenieure machen daraus sogar eine schneeunabhängige Langlaufloipe und verlegen diese im Erlenbacher Stadtwald.

Die Umwelt im Fokus - trotz wirtschaftlich angespannter Lage

Permanent steigende Energiepreise anfangs der 80er Jahre haben massive Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Allein im Jahr 1981 verursacht die Energie Mehrkosten von 25 Mio. DM. 1982 wird die Lage so prekär, dass rund 1.000 Beschäftigte in Kurzarbeit gehen müssen.

Trotzdem wird weiter kräftig investiert, unter anderem in einen neuen Kamin. Dieser soll sicherstellen, dass man im Falle einer Unsicherheit der Gasversorgung notfalls auch Öl zur Erzeugung von Strom und Dampf verfeuern kann.

Mehr und mehr in den Fokus rückt das Thema Umweltschutz. Zur Emissionskontrolle im unmittelbaren Umland des Werks stellt das Werk einen eigenen Umweltmesswagen in Dienst, der regelmäßig durch die Nachbarschaft fährt und Proben nimmt.

 

Der Wandel wird Konstante: 1985 - 2002

1985 - 2002

 

 

Boom der 80er Jahre

Waren die ersten Jahre der 80er wirtschaftlich noch verhalten, entwickelt sich die Mitte des Jahrzehnts zu einer Phase der Superlative. 1985 erreicht der Umsatz des Standorts erstmals in seiner Geschichte eine Milliarde DM, wie die Mitarbeiterzeitung ENKA-Report in ihrer ersten Ausgabe 1986 tituliert. Die Kapazitätsauslastung klettert auf über 96%. Rund 88 Mio. DM werden investiert in neue Produktionsanlagen, eine Stetigförderanlage zum Transport der Versandware, in die Verbesserung der Arbeitsergonomie für die Beschäftigten und in verschiedene Umweltmaßnahmen.

Zahlreiche Werkstudenten helfen während der Sommermonate mit, um die riesige Nachfrage nach Obernburger Produkten während der Sommermonate bewältigen zu können.

Der Standort als Drehort

Von der guten Auslastung profitiert auch die Region. Fast 300 neue Beschäftigte werden eingestellt; 56 junge Leute starten ihre Ausbildung im Werk. Erstmals findet ein Tag der offenen Tür im Werk statt und gewährt den zahlreichen Gästen Einblicke in die Produktion.

Auch als Drehort dient der Standort. Schauspielerisches "Schwergewicht" Günter Strack spielt als streitbarer Pfarrer Dr. Adam Kempfert in der Fernsehserie "Mit Leib und Seele" zusammen mit Liesl Christ und Lieselotte Pulver. Für die "Firma Dannecker" dienen als Kulissen die Fassade an der Glanzstoffstraße und das große Sitzungszimmer.

Partner des Umlandes - unsere Werkfeuerwehr

Am 21. Januar 1987 wird die neue Atemschutzübungsstrecke des Landkreises Miltenberg auf dem Standortgelände eingeweiht. Sie wird, inzwischen mehrfach modernisiert, bis heute als unverzichtbare Übungseinrichtung für die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren des Landkreises und der ICO-Werkfeuerwehr genutzt. Sie bildet einen weiterer Baustein der erfolgreichen Zusammenarbeit öffentlicher Stellen und des Standorts bei der gemeinsamen Aufgabenbewältigung.

Ebenfalls 1987 blickt die standorteigene Werkfeuerwehr auf 60 Jahre Bestehen zurück. Aus kleinen Anfängen im Jahr 1927 entwickelt sich bis heute eine äußerst schlagkräftige und bestens ausgestattete hauptamtliche Werkfeuerwehr, die in enger Kooperation mit den Wehren des Umlandes alle sicherheitstechnischen Anforderungen abdecken kann.

Gute Ideen und mehr Arbeitssicherheit

Die gute Auslastung des Standorts hält bis Ende der 80er Jahre an. 1989 wächst der Umsatz dank der guten Inlandsnachfrage um 11%. Mit vielen guten Ideen zur Verbesserung der Arbeitsabläufe tragen die Beschäftigten im Rahmen des betrieblichen Vorschlagswesens dazu wirkungsvoll bei.

Auch das Thema Arbeitssicherheit erfährt unter Sicherheitsingenieur Wolfgang Zöller eine nachhaltige Aufwertung innerhalb der Belegschaft und wird mit zahlreichen Verlosungen und Preisen stark gefördert.

 

Aus ENKA wird Akzo

Zum Jahresende 1990 gehen die bisher in der ENKA zusammengefassten Faseraktivitäten als Fibers Division im Akzo-Konzern auf. Das neu entworfene Logo basiert auf einem antiken Vorbild für eine griechische Maßeinheit und steht für Weltoffenheit, Stärke und die globale Ausrichtung des Unternehmens.

 

Vom Boom in den Abschwung

Mit dem Beginn der 90er Jahre kündigt sich eine deutliche wirtschaftliche Abkühlung an. 1993 wird für den Standort zu einem der härtesten Jahr seit Kriegsende und erfordert teilweise Kurzarbeit, vor allem in den Verwaltungsbereichen. 1994 bringt zwar etwas Entspannung, doch die strukturellen Probleme der Chemiefaserindustrie bleiben. Weltweite Überkapazitäten auf einem hart umkämpften globalen Markt sorgen für niedrige Erlöse. Kostensenkungen durch Strukturveränderungen, Sparmaßnahmen und Personalabbau prägen das Bild.

Dennoch wird weiter investiert und auch die traditionelle jährliche Radtour für alle Radsportbegeisterten des Umlandes findet statt.

 

Aus Akzo wird Akzo Nobel

Nach der Übernahme von Nobel Industrier, einem schwedischen Unternehmen, integriert der niederländische Akzo-Konzern den international bekannten Namen Nobel in den eigenen Konzernnamen und firmiert seither als Akzo Nobel.

 

 

WM 100 oder: Wie spart man 100 Mio. Gulden?

1996 startet Werkleiter Albert Franz "WM100". Ziel des ehrgeizigen Programms ist die Einsparung von 100 Mio. niederländischen Gulden in Obernburg zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Mit großem Einsatz entwickeln die Beschäftigten aller Hierarchieebenen eine Fülle an Ideen und Maßnahmen, wie die 100 Mio. Gulden realisiert werden können.

Drei Jahre später ist es geschafft!

 

Sichere Energieversorgung

Trotz wirtschaftlich weiterhin angespannter Lage investiert der Standort in ein energetisches Großprojekt mit Modellcharakter für Bayern: den gemeinsamen Bau einer Gasturbine mit Abhitzekessel zusammen mit dem regionalen Energieversorger. Am 20. November 1996 erfolgt die Einweihung im Beisein von Bayerns Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber und vieler weiterer Ehrengäste. Die Kraft-Wärme-Kopplung zur Erzeugung von Strom und Dampf ermöglicht die hohe Ausnutzung des eingesetzten Brennstoffs Gas und schont wirkungsvoll die Umwelt.

Zwei musikalische Aushängeschilder: Werksblasorchester und Männerchor.

Das standorteigene Blasorchester bestand bereits vor dem Krieg und war auf Volksfesten des Umlandes gerne gesehen. Der letzte Auftritt des Blasorchesters unter Leitung von Lothar Gruza fand an der traditionellen Weihnachtsfeier des Standorts im Jahr 2022 statt.

Der Männerchor wurde 1948 gegründet. In jener schwierigen Zeit bekamen die Sänger nach den wöchentlichen Proben von der Werkskantine stets einen Imbiss spendiert, was ihnen den Spitznamen "Abendbrotsänger" einbrachte. In den 70er und 80er Jahren war der Chor auch überregional benannt. Konzertreisen führten ihn nach Kanada, Russland oder nach Italien. Mit einem letzten ausverkauften Konzert anlässlich seines 70-jährigen Bestehens 2018 verabschiedete sich der Chor von seinem Publikum

Aus Akzo Nobel wird Acordis

Nach Übernahme des britischen Chemiefaser- und Lackunternehmens Courtaulds gliedert Akzo Nobel Ende 1998 sämtliche Chemiefaseraktivitäten in ein neu gegründetes Unternehmen mit Namen Acordis aus. Ist zunächst geplant, Acordis als börsennotiertes Unternehmen zu führen, verkauft Akzo Nobel nach dem Jahrtausendwechsel Acordis an einen Finanzinvestor.

In der Folge finden die verschiedenen Acordis-Aktivitäten neue Eigentümer. Auch die Obernburger Produktionsbetriebe werden nach und nach an verschiedene Eigentümer verkauft.

Das Werk Obernburg ist Geschichte.

 

 

Der Neustart: Das Industrie Center Obernburg 2002 - heute

2002 - 2024

 

Vom Acordis-Werk Obernburg zum Industrie Center Obernburg

Da die historisch gewachsenen integralen Werkstrukturen des Standorts nicht mehr den veränderten Anforderungen entsprechen, werden diese aufgelöst und der Standort in das Industrie Center Obernburg transformiert.

 

 

Vom Miteinander zum Nebeneinander

Damit einher geht ein grundlegender Wandel des standortinternen Geschehens: Das bisherige Werk transformiert zur Plattform für Unternehmen, die gemeinsam die bestehende Infrastruktur nutzen und sich dadurch auf ihr Kerngeschäft fokussieren können. Auch für die Beschäftigten gestaltet sich dies anfangs ungewohnt, denn das jahrzehntelange "Miteinander" wird plötzlich zum "Nebeneinander": Bisherige Kolleginnen und Kollegen sind auf einmal Kunden bzw. Lieferanten, die nicht mehr auf dem kurzen Dienstweg interagieren können. Dem Umgang miteinander prägen jetzt Geschäftsstrukturen.

Alle strukturellen Standorteinrichtungen wie Energieversorgung, Feuerwehr, Ausbildung, Kantine, Wasserversorgung, Entsorgung, Analytik und andere finden in der zum 1. Januar 2003 gegründeten Mainsite GmbH & Co. KG als Betreiber- und Servicegesellschaft des ICO ihre neue Heimat. Seither sorgt die Mainsite dafür, dass Unternehmen im ICO möglichst optimale Bedingungen für ihr Geschäft vorfinden. In der Folgezeit wächst der Standort um zahlreiche Unternehmen und verbreitert damit auch das vorhandene Branchenmix.

 

Foto links: Auch die Politiker des Umlandes finden die neuen Strukturen des ICO interessant. Kennt man den Standort doch über viele Jahrzehnte als "Glanzstoffwerk". Bis heute heißt das ICO im Volksmund für viele immer noch "Glanzstoff", allen grundlegenden Veränderungen zum Trotz.

Foto rechts: Im Jahr 2012 feiert die standorteigene und von Mainsite betriebene Ausbildung ihr 75-jähriges Bestehen. Mit dabei auch mehrere Azubis, die 1937 ihre Ausbildung - damals noch bei der "Glanzstoff" - begonnen hatten.

 

Japan trifft Obernburg

Foto links: Feierliche Unterzeichnung des Ansiedlungsvertrags im ICO zwischen der Mainsite und dem japanischen Unternehmen Toyobo, einem Hersteller innovativer luftdurchlässiger Matten für Polster, Matratzen und zahlreiche weitere Anwendungen. Toyobo war das erste japanische Unternehmen, das sich im Landkreis ansiedelte.

Die Produktion des neuen Materials (Foto rechts) startet im Jahr 2013 .

Ein neues Logistikzentrum, das Maßstäbe setzt

Nach jahrelanger Vorplanung und Abschluss des Genehmigungsverfahrens findet 2018 der erste Spatenstich zum Neubau eines modernen und allen Anforderungen genügenden Logistikzentrums statt. Bereits 2019 wird das Projekt erfolgreich abgeschlossen. Mit etwa 80.000 Quadratmetern Logistikflächen unter Bayerns größtem Gründach und seiner technischen Ausführung setzt das Logistikzentrum bei Logistikimmobilien Maßstäbe - auch in Sachen Nachhaltigkeit:

  • Nahezu alle an dem Großprojekt beteiligten Unternehmen kommen aus der Region.

  • Das Dach speichert etwa 60% der Niederschläge in einer Substratschicht und kühlt so im Sommer den Innenraum, was eine Klimatisierung des Gebäudes überflüssig macht und Energie spart.

  • Das überschüssige Regenwasser wird über eine Rigole komplett direkt ins Erdreich abgeleitet und dem Grundwasser zugeführt.

  • Auf dem Gründach finden Fauna und Flora des überbauten Areals mit zahlreichen Totholzstapeln und Wassertümpeln eine neue Heimat.

Sichere und saubere Energie

Zeitgleich mit dem Logistikneubau startet das Investitionsprojekt "MODICO". Es umfasst grundlegende Modernisierungsarbeiten an der standorteigenen Energieversorgung, um die Energieversorgung noch stabiler und zugleich umweltfreundlicher zu gestalten. Spektakulär ist das Einheben eines neuen Kessels mittels Autokran zwischen den Turmkesseln hindurch über das Dach des Kraftwerksgebäudes hinweg (Foto links).

Im Rahmen des Projekts bekommt die Leitwarte des Kraftwerks eine komplett neue Ausstattung mit modernster digitaler Steuerungstechnik (Foto rechts).

Das für das öffentliche Netz systemrelevante Standortkraftwerk erzeugt mit seinen Anlagen alle erforderlichen Energiearten für das ICO und seine Unternehmen und auch den Landkreis Miltenberg zuverlässig mit elektrischer Energie.

Partner der Region

Mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit: im Jahr 2021 tritt die Mainsite dem "Umweltpakt Bayern" bei. Von Landrat Jens-Marco Scherf (links) erhält Mainsite-Geschäftsführer Dr. Johannes Huber die Urkunde überreicht.

Fortsetzung einer jahrzehntelangen erfolgreichen Kooperation: Das gemeinsame Drehleiterfahrzeug der Feuerwehren Erlenbach, Elsenfeld, Obernburg und der ICO-Werkfeuerwehr wird im Herbst 2022 eingeweiht. Stationiert ist das Fahrzeug bei der ICO-Werkfeuerwehr. Sie übernimmt auch die Wartung und Betreuung im Einsatzfall.

ICO goes green

Bedingt durch die Energiewende beschreitet Mainsite neue Wege bei der Energieversorgung. Neben der klassischen Energieerzeugung mittels Erdgas rückt zunehmend Wasserstoff als Primärenergieträger in den Fokus. Bereits heute könnten die Energieerzeugungsanlagen auch Wasserstoff einsetzen.

Eine komplett neue Photovoltaikanlage befindet sich seit 2023 auf dem Dach der Standortkantine. Sie versorgt die E-Tankstellen für die Elektrofahrzeuge des Standorts. Auch im ICO Beschäftigte dürfen an den Tankstellen ihre E-Fahrzeuge kostenfrei aufladen.

Jugend im Fokus

Im Jubiläumsjahr 2024 findet Ende Februar der Regionalwettbewerb Unterfranken von "Jugend forscht" im ICO statt. Etwa 120 junge Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen naturwissenschaftlichen Gebieten präsentieren ihre Arbeiten und Projekte. Mainsite als Hauptsponsor stellt die Räumlichkeiten nebst Infrastruktur zur Verfügung und vergibt auch einen ICO-Publikumspreis.